MIMIK LESEN-  WER DENKT DAS ALLES SO IST WIE ES SCHEINT – DER TÄUSCHT SICH

Die Methode-F.A.C.S. nach Paul Ekman ist definitiv großartig, wenn sie professionell angewendet wird. „In 1-Tagesseminaren lernen Sie die Mimik zu erkennen und ihr Leben wird sich ändern“ –versprechen marktschreierische Werber. Aber so einfach ist es nicht. Um Mimik seriös identifizieren zu können, bedarf es mehr als 43 Action Units.

In einem Video auf You Tube sah ich: „Wenn du diese Bewegung der mimischen Muskulatur siehst – dann ist es definitiv Angst. Da läuten bei mir alle Alarmglocken. Wer so an die Methode rangeht und mit Menschen arbeitet oder auf diese Art und Weise Menschen analysiert ist von Seriösität weit entfernt. Und gibt auch fahrlässig Informationen weiter, die dann ungeprüft übernommen werden. Denn Angst hat einige emotionale Abstufungen und reduziert sich nicht auf eine einzelne Bewegung, sondern hat Spielraum. Ich möchte auffordern respektvoll mit der Arbeit mit Menschen umzugehen. Denn gerade Mimikanalyse kann Kommunikation und Kooperation fördern.

Ich beschäftige mich seit ungefähr 25 Jahren professionell mit dem Verhalten des Menschen und somit auch mit seiner Körpersprache und Mimik. Damit auseinandergesetzt habe ich mich allerdings schon seit meiner frühesten Kindheit. Ich warne immer wieder eindringlich davor, alles als gegeben zu bestätigen, was an Action Units in den Gesichtern von Menschen auftritt. Viele Menschen scheitern mit Ihren Analysen weil oft nicht stimmt, was sie sehen oder zu sehen glauben. Und das hat nichts mit Ekmans Methode zu tun.

Die Mimik ist ein starkes Kommunikationsinstrument. Sie sendet Informationen aus. Sie steuert, sie manipuliert, sie illustriert, sie beschreibt, fordert, motiviert, bestätigt, lehnt ab.
Auf einem großen Flughafen wurden viele Mitarbeiter in Mimik lesen geschult – scheinbar vergeblich- der Erfolg blieb aus. Wundert mich nicht, denn Mimik lesen alleine reicht niemals für eine Schnelldiagnose am Flughafen aus. Der Aspekt der Suspicious Behaviour Identification – fehlt. Das Gesamte, das Sichtbare, das was nicht sichtbar ist, das Verdächtige und einige weitere Kriterien geben erst die richtige Auskunft.

Ich selbst unterscheide in reine Emotionsmimik, Informationsmimik, Illustrationsmimik und Manipulationsmimik. Ja, die Mimik zeigt uns schon die reinen Emotionen, das stimmt. Aber sie tut das nicht immer.

Das was wir in Gesichtern sehen können und vorerst nur interpretieren und nicht wissen können, ist vielfältig. Wenn ich etwas sehe, dann sehe ich es nur. Wenn ich jetzt zum Beispiel eine AU14, eine nach Ekmann klassifizierte Verachtung in einem Gesicht sehe, welche durch hochziehen oder einpressen des Mundwinkels dargestellt wird – kann ich nur die Hypothese aufstellen, das es möglichweise Verachtung ist. Danach beginnt die Phase der Entscheidung, Evaluierung und Falsifizierung.
Hab ich überhaupt das Gesicht im Grundzustand gesehen, also in seinen Bodybasics? Wie sieht die Mimik dieses Menschen grundsätzlich aus? Vielleicht hat er eine Asymmetrie und presst deshalb einen Mundwinkel ein, vielleicht spricht er rechtslastig oder linkslastig – was auch oft vorkommt bzw. vielleicht hat er einen Tick. Vielleicht hat die Emotion gar nichts mit dem Thema zu tun oder mit dem Kontext. Vielleicht ist die Person gedanklich abgeschweift und dachte an die ungeliebte Schwiegermutter.
Wenn ich die Bodybasics vorher schon habe und weiss, dass die Person den Mundwinkel in der Basic nicht einpresst, dann wird der Weg schon klarer.

Meine Vorgangsweise entscheide ich nach der Situation. Wenn ich eine Videoanalyse habe, ist der Kontext für meine Hypothese entscheidend. Das Verhalten das ich gerade beobachte steht in einem bestimmten Kontext. Dieser Kontext ist wichtig, genau so wie Proxemik – das Verhalten der Menschen im Raum (Gruppe..), Mimik, Gestik, Gang, Stand, Haltung, Motorik, Psychophysiologie, Sprache, Stimme, Impulskontrolle, Intensität……… Danach gebe ich meine Analyse ab – und diese ist meine Hypothese, meine Interpretation dazu. Sie ist aber keine Wahrheit. Ich würde niemals behaupten der Mensch verachtet in dem Moment. Ich würde es als Hypothese, als meine Interpretation der Situation stehen lassen. Warum ich mich nicht festlege? Ich gehe davon aus, dass ich mit meinen Hypothesen richtig liege und ich erfahre es ja auch. Dennoch: Bei Videoanalysen gibt es einen entscheidenden Faktor, warum ich mich nicht festlege. Ich kann nicht evaluieren und falsifizieren. Das bedeutet, ich kann mit dem Menschen nicht persönlich sprechen um heraus zu finden was wirklich Fakt ist. Wenn es sich zum Beispiel um eine Frage, bzw. Analyse aus dem öffentliche Sicherheitsbereich handelt, gebe ich eine wirksame Kommunikationsstrategie mit, die dabei hilft, an die Wahrheit zu kommen.

Anders ist es bei Gesprächen, Interviews, Recruitings, Befragungen, Liveanalysen. Da spreche ich mit den Menschen, da kann ich nachfragen, nachhaken, mir die Bestätigung holen, dass ich richtig liege. Ich behaupte auch niemals das ein Mensch lügt! Bei Befragungen wo ich die Vermutung bzw. Tells, Hotspots, Clouds (Hinweise auf Lügen) habe, hinterfrage ich diese oder wähle eine andere Kommunikations-Strategie oder Taktik um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Erst wenn der andere gesteht oder zu gibt, dann gilt es auch als Wahrheit oder Lüge. Alles andere bleibt Interpretation.
Zusammengefasst! Mimik lesen funktioniert unter Beachtung von notwendigen Kriterien. Und einer respektvollen Haltung gegenüber Menschen.

Letzte Woche fragte mich eine meiner auszubildenden Profiler PScn die natürlich auch Körpersprache und Mimik bei mir lernen, warum ich denn so akribisch und pitzelig bin und es so genau nehme und sie so auf Perfektion, Evaluierung und Falsifizierung trainiere?
Meine Antwort: „Weils wichtig und notwendig ist“!

Herzlichst, Ihre Patricia Staniek
Profiler PScn – Kriminologin – Keynotespeaker-Fachvortragende – Autorin

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