INTERVIEW MIT DER TATORTREINIGERIN CLAUDIA KETTNER (CK)
Geführt von: Andreas Fritsch, Martina Fritsch, Christian Mikula, Britta Teutsch – Certified Profiler: Methode Profiling PScn in Ausbildung

Wie kamen Sie zu dieser Arbeit?

CK: Lange Geschichte, ich habe mit einer Gebäudereinigungsfirma gestartet und wir haben auch immer Räumungen und Entrümplungen gemacht, und da bin ich durch Zufall zu Messie-Wohnungen gekommen. Das ist mittlerweile ein großes Thema, welches wir sehr oft haben. Einmal hatte ich eine Messie-Wohnung mit einer Leiche drin. Also, das schlimmste, was einem glaube ich, passieren kann. Die Dame ist da 3 Monate drinnen gelegen, man kann sich vorstellen, dass das ziemlich spannend war. Das hat mir dann, das klingt zwar jetzt etwas krank, aber das hat mir dann so gefallen, speziell die Schwierigkeit an dieser Arbeit hat mich dann sehr fasziniert. Denn das ist schwierig, das ist richtig schwierig, sowas wieder hinzubekommen. Und dann habe ich die Zusatzausbildung gemacht, und habe mich darauf spezialisiert.

 

Was ist das für eine Zusatzausbildung, die Sie machen mussten?

CK: Ich bin Denkmal-, Fassaden-, und Gebäudereinigungsmeisterin, sowie zertifizierte Tatortreinigerin. Die Ausbildung habe ich im März 2018 abgeschlossen.

Ich bin selbstständig und führe ein Unternehmen mit jetzt 16 Mitarbeitern die draußen sind, und einer Sekretärin im Büro.

 

Was genau reinigen sie alles?

CK: Mein Auftrag ist es, die Wohnung wieder bewohnbar zu machen, das heißt, je nachdem was ich dort vorfinde. Wo und wie ist die Person gestorben, das ist immer anders. War es ein Selbstmord, oder wenn jemand im Bett stirbt, und schnell gefunden wird, ist es eine schöne Arbeit. Wenn sich jemand mit einer Waffe selbst richtet ist es schlimm, weil dann ist es oft so, dass man aus der Wand Teile rausstemmen muss. Je nachdem, auch wie lange die Leiche dann liegt ist ein Thema, gibt es Schädlingsbefall, das ist ganz unterschiedlich. Wir haben oft auch Wohnungen, welche wir komplett aushöhlen müssen, weil durch die Leichenflüssigkeit und die Liegezeit die Böden kaputt gehen. Der Untergrund ist dann auch oft kontaminiert, auch hier muss dann gestemmt werden. Das ist nicht nur reinigen, das ist oft sehr viel mehr, da muss man schon fast Handwerker sein.

 

Gibt es eine Zusammenarbeit mit Kriminaltechnikern, die ja auch Gegenstände hinterlassen?

CK: Genau, wir arbeiten mit der Polizei zusammen und mit Notaren, bzw. Rechtsanwälten. Wir werden dann auch oft weiterempfohlen. Denn wenn einfach jemand verstirbt, ist es ja nicht gleich ein Tatort. Und hier werden wir dann durch Polizei oder eben Rechtsanwälte empfohlen. Wir sind auch mit dem Gemeinden vernetzt, die auch unsere Broschüren weitergeben. Manche finden uns auch im Internet, und rufen dann einfach an.

 

Gibt es Anblicke die Ihnen widerstreben? Was ist Ihnen am meisten zuwider?

CK: Nein, mittlerweile nicht mehr. Das einzige, dass ich schlimm finde ist nicht der Anblick, sondern das Menschen lange unbemerkt in ihren Wohnungen liegen, das ist für mich persönlich das schlimmste. Dass es so wenig Interesse an einem Menschen gibt, dass der oft wochen- oder monatelang vor sich hin verwest.

 

Wissen Sie um welchen Fall (z.B. aus den Medien…) es sich gerade handelt, bzw. werden sie vorinformiert?

CK: Egal was man rundherum hört, ich möchte die Informationen vom zuständigen Beamten aus erster Hand hören. Denn man muss immer vorher wissen, war die Person krank? Und mich interessiert der Hintergrund der Umstände. Ich möchte schon wissen, was ist passiert, aber es wird einem ohnehin gesagt, wenn man zum Ort des Geschehens kommt.

 

Wie reagieren Menschen darauf, wenn Sie von Ihrer Arbeit erzählen?

CK: Unterschiedlich. Manche sind fasziniert, manche sind schockiert, manche halten mich für krank. Das ist sehr bunt gemischt.

 

Welche Berufskleidung tragen Sie, bzw. reinigen sie in steriler Kleidung?

CK: Wir tragen einen Vollschutzanzug, der flüssigkeits- und luftundurchlässig ist, man kann sich das so vorstellen, als wäre man in einem Plastiksack drin. Dann noch schnittfeste Gummistiefel mit Stahlkappe. Und noch eine Gesichtsmaske, also ich sehe aus wie eine Mumie mit Maske, komplett vermummt.

 

Wird ein Tatort unter behördlicher Aufsicht gereinigt?

CK: Nein, ich komme immer erst, wenn alles abgeschlossen ist. Es kann zwar sein, dass ich mich vor Ort mit einem Beamten treffe, um etwas zu besprechen, aber grundsätzlich bin ich allein. Wenn es draußen, im öffentlichen Raum ist, was sehr selten der Fall ist, dann sind die Behörden vor Ort, aber in abgeschlossenen Räumen gibt es keine Notwendigkeit dafür.

 

Wenn Sie noch etwas finden, womöglich tatrelevante Gegenstände, haben sie die nötigen Mittel, um diese aufzubewahren?

CK: Das hatten wir tatsächlich schon, dass wir Munition, Hakenkreuze oder ähnliche Dinge gefunden haben. Die werden dann von uns in verschließbare Plastiktüten gepackt, fotografiert und den zuständigen Beamten weitergeleitet. Das kommt allerdings nicht sehr häufig vor.

 

Reinigen Sie den Tatort mit handelsüblichen Haushaltsgeräten und wie wird der Müll entsorgt?

CK: Das ist Sondermüll, welcher verbrannt wird. Der kommt auf eine Deponie, wir arbeiten hier mit der Energie AG zusammen, dort geben wir den Müll ab. Also fachgerecht entsorgt.

Wir verwenden, unter anderem, natürlich einen Staubsauger, aber nicht das klassische „Hausfrauenmodell“, sondern Industriereiniger, welche man in einem Baumarkt kaufen kann. Das wichtigste ist ein Nass-/Trockensauger, denn wenn man viel Blut zu entfernen hat, muss man das ja auch irgendwie wegbekommen.

 

Führen Sie ein Reinigungsprotokoll?

CK: Wir machen immer Vorher-Nachher Fotos, um alles zu dokumentieren. Primär um mich zu schützen, man weiß ja nie, mit wem man es zu tun hat. Es wird dann der Ablauf dokumentiert, welche Arbeiten durchgeführt wurden. Das wird dann auch abgegeben und unterzeichnet. Bei privaten Auftraggebern ist das manchmal schwierig, da diese oft unter Schock stehen. Sollten Reklamationen, in welcher Art auch immer sein, komme ich natürlich dafür auf. Was aber, Gott sei Dank, noch nie passiert ist.

 

Geben Sie in letzter Instanz die Freigabe für einen Tatort?

CK: Richtig. Wenn ich rausgehe, dann ist die Wohnung, das Haus wieder für die Allgemeinheit zugänglich. Ohne Gefahr zu laufen, sich irgendwelche Krankheiten zu holen.

 

Sind Infektionsschutz, sachgerechte Desinfektion, Seuchenbekämpfung relevante Themen?

CK: Desinfektion ist natürlich ein Thema, das ist klar. Seuchenschutz, so etwas schlimmes war noch nie ein Thema in meiner bisherigen Tätigkeit. Ich habe mir allerdings einmal selbst eine Lederhautentzündung eingefangen, weil ich die Maske, aufgrund der Hitze, kurz abgenommen habe. Dabei ist mir ein Tropfen irgendeiner Flüssigkeit ins Auge gekommen, und ich habe eine ganz schlimme Entzündung dadurch bekommen. Das hat mich sehr geschockt, denn das sind Gefahren, die man nicht sieht.

Seitdem nehme ich die Maske während der Arbeit nie mehr ab.

 

Gab es Aufträge, bei welchen die Arbeit aufgrund von nicht aushaltbaren Gerüchen, Substanzen, Situationen etc. abgebrochen werden musste?

CK: Nein, bis jetzt ist das nicht passiert. Auch wenn es noch so ekelerregend war, hatte ich das immer im Griff.

 

Wird selbst solch ein Job irgendwann zur Routine?

CK: Wirklich Routine eher nicht. Sicher behandelt man viele Situationen aus der Erfahrung heraus routinierter, das ist wie in jedem Beruf. Jeder Mensch ist anders, jeder stirbt anders, es ist nie vergleichbar, es ist immer anders.

Es wird immer leichter, je öfter man etwas gemacht hat, umso leichter kann man damit umgehen. Umso schneller findet man eine gute Lösung. Aber Routine im klassischen Sinne wird es nicht, da immer Schicksale dahinter sind. Es ist der Tod, es ist das Ende. Das ist das eigentlich beunruhigende dahinter.

 

Stumpft man ab?

CK: Sicher. Wir können mittlerweile während der Arbeit lachen, das konnten wir zu Beginn nicht. Da waren wir irgendwie unter Strom, wir waren nervös, es war anders. Aber jetzt haben auch Spaß, auch wenn es komisch klingt. Ja, man stumpft sicher ab. Mich schreckt so leicht nichts mehr. Andere sagen, so schlimm, dann gehe ich rein und denke mir, naja, ok…

 

Es sind ja hier Schicksale, um die es geht. Fällt es ihnen schwer, durch das Räumen, Teile eines Lebens sozusagen „auszulöschen“?

CK: Es sind ja oft nur Teile von Örtlichkeiten, welche von uns gesäubert werden, nicht immer die gesamte Wohnung, oder das gesamte Haus. Oft räumen die Angehörigen den Rest der Räumlichkeiten aus. Natürlich haben wir auch Fälle, wo es dann heißt, das ganze Leben eines Menschen wird in einen Container geworfen. Das ist aber durchaus normal, das gehört dazu.

 

Bekommt man als Tatortreiniger die Hintergründe der Umstände mit?

CK: Ja, da sind oft sehr interessante Geschichten dahinter. Man muss ja alles angreifen, und da finden sich ja oft sehr persönliche Dinge. Seien es die Liebesbriefe von früher, die Kontoauszüge, wir haben ja alles in der Hand. Man findet Sado-Maso Verstecke, es kommt einem viel unter. Man sieht ALLES. Manchmal ist es auch durchaus lustig…

 

Wie trennt man die Bilder aus dem Beruf vom Privatleben?

CK: Ich schaffe das leicht, mir tut das gar nichts. Wenn ich zu Hause bin, bin ich zu Hause, mir ist das egal. Ich habe aber durchaus Mitarbeiter erlebt, die Alpträume bekommen haben, die ich dafür nicht mehr einsetzen konnte. Für mich war das schwer nachzuvollziehen, weil ich dieses Thema gar nicht habe.

Werden einem Tatortreiniger im Gespräch mit Bekannten, Freunden… oft Fragen zum Job gestellt?

CK: Ja, manche möchten Fotos sehen, das ist eh klar, der einzige, mit dem ich wirklich darüber rede, ist mein Lebensgefährte. Aber sonst ist das kein Gesprächsthema, wenn man bei einem Kaffeekränzchen zusammensitzt.

 

Wovor ekeln Sie sich?

CK: Ich hatte das jetzt zweimal, und ich habe mich über mich selbst geärgert. Es gibt Menschen die kacken so lange in ihre Toilette, bis sie übergeht. Das waren beides Messie-Wohnungen, und da hat es mich geekelt, beide Male. Das ist noch gar nicht so lange her, und das hat mich etwas irritiert, denn das kenne ich bei mir gar nicht. Ich weiß nicht warum, aber da dürfte in meinem Kopf etwas umschalten. Wir wollten das beide Male absaugen, aber da hat mir mein Sauger so leid getan, dass ich das mit einem Suppenschöpfer abgeschöpft habe. Vor allem, da waren auch Maden dabei, diese Kombination aus altem Kot, Maden, Urin, Klopapier, das ist schon sehr speziell. Es war eigentlich fast unerträglich, aber ich habe mich nicht übergeben müssen.

 

Was war für Sie die eindrücklichste Erfahrung im Zusammenhang mit Ihrer Tätigkeit?

CK: Menschlich das schlimmste für mich war ein Vorfall auf einer Polizeistation, da ist ein Polizist auf der Toilette gestorben, der hatte einen Blutsturz, es hat sehr wild ausgesehen. Und da waren sehr viele Polizisten, es war auf der Landespolizeidirektion, es war schlimm, so viele Menschen, so viele Tränen, es war einfach schlimm. Es war nicht handlebar für mich. Weil so viele reden wollten, so viele Gefühle waren, und ich war allein dort.

 

Wie ist es, wenn Sie mit Angehörigen zu tun haben?

CK: Das ist schwierig. Da habe ich einige Zeit gebraucht, ich bin jetzt nicht der gefühlsduselige Mensch, aber da muss man sehr viel Fingerspitzengefühl haben. Die sind natürlich im Ausnahmezustand, jedes Wort muss auf die Waagschale gelegt werden, und jeder will reden, die Leute wollen immer reden. Das ist auch schwierig. Die erzählen einem ja oft die Lebensgeschichte. Das befreit, habe ich gehört, aber es ist mühsam für mich.

 

Haben Sie noch andere Beschäftigungen? Hobbies?

CK: Ich arbeite sehr gerne im Garten, ich züchte chinesische Seidenhühner, die mit der Frisur, die flauschigen. Das ist mein Hobby. Und mein Kind, mein Mann, aber es ist halt wenig Zeit dafür. Sehr wenig Zeit.

 

Bleiben Gerüche sprichwörtlich an Ihnen haften?

CK: Die Schutzkleidung, der Anzug und die Handschuhe werden natürlich entsprechend entsorgt, außer die Maske und die Gummistiefel, die werden desinfiziert. Nein, also es hat noch keiner gesagt, dass ich stinke, wenn ich nach Hause fahre. Bei Messie-Wohnungen habe ich allerdings schon öfter Geruch angenommen, aber natürlich nur bis zur Dusche, nicht durchgehend. Speziell ganz schlimme Kotgeschichten, die haften geruchsmäßig in den Haaren. Ich verwende aber keine speziellen Duschgels, das ich nicht notwendig.

 

Sie haben Familie, sprechen Sie mit Ihrer Tochter auch über Ihre Tätigkeit?

CK: Sie ist 14 Jahre alt, und sie ist interessiert. Natürlich fragt sie mich, aber ich erzähle ihr keine Details. Aber sie bekommt natürlich auch Telefonate mit, wenn ich wo hin gerufen werde. Dann stellt sie Fragen, und ich sage dann nur, ich muss zu einem Leichenfundort, Liegezeit drei Wochen, aber Fotos zeige ich ihr nicht. Das will sie zwar, aber das fände ich nicht gut. Das ist psychisch nicht gut für ein Kind. Ihre Mitschülerinnen, die Mütter ja eher uncool finden, finden meinen Job sehr cool.

 

Ist es vorgekommen, dass sich Freunde un Bekannte auf Grund Ihrer Tätigkeit von Ihnen abwenden?

CK: Das wäre mir nicht aufgefallen. Alle, die ich mag, reden noch mit mir, und der Rest ist mir egal.

 

Wem würden Sie ihren Beruf weiter empfehlen?

CK: Ich weiß nicht, schwierig zu sagen. Bei mir bewerben sich ständig Leute, angefangen vom Elektriker bis zum Buchhalter, weil sie glauben, das ist es jetzt. Aber diese Tätigkeit jemand zu empfehlen, ich weiß nicht. Man muss eine starke Psyche haben, geruchsunempfindlich sein, sehr belastbar sein. Ich glaube, man kann es nicht empfehlen, das muss man mögen, das muss man finden für sich.

 

Wie viel kostet eine Tatortreinigung?

CK: Ganz Unterschiedlich, das kann 700 Euro kosten, das kann auch ein horrender Preis sein, je nachdem, welche Arbeiten zu machen sind. Boden rausreißen, stemmen, ist es ein Haus, eine Wohnung, man kann das nicht pauschalieren. Auch hier ist es schwierig mit den Angehörigen über Preise zu reden.

 

Haben Sie Tipps, wie man mit der Emotion Ekel besser umgehen kann?

CK: Ich glaube einfach, unsere Gesellschaft ist allgemein ziemlich verweichlicht. Mich rufen ja sogar Leute, wegen einer stinkenden Biomülltonne an. Die können das selbstständig nicht mehr handlen. Und das ist keine Seltenheit. Aber Tipps, ich weiß nicht. Vielleicht einmal in der Woche an einem Hundehaufen riechen… [lacht].

Wenn etwas die Leute aus der Komfortzone bringt, dann rufen sie gleich wen an. Statt dass sie über ihren Schatten springen und sich sagen, heute schaff ich’s und spare mir obendrein Geld. Das sind ein paar Minuten Arbeit, die aber teuer sind, wenn man es so rechnet. Die Leute regen sich ja heutzutage schon auf, wenn der Bauer mit der Jauche aufs Feld fährt. Ich glaube, das wird nicht einfacher mit uns. Mit vielen von uns.

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